kritiken


 

 I DO I DO!

        

  

RZ- Artikel vom 31.01.2005

Eine Ehe im amüsanten Zeitraffer

"I do! I do!" in den Kammerspielen: Stück lässt Darstellern auch musikalischen Raum zur Entfaltung - und die nutzen ihn

Der Alltag frisst die Liebe auf. Das ist oft traurige Realität. Dass es aber auch Hoffnung gibt, zeigt das romantische Zwei-Personen-Musical "I do! I do! Das musikalische Himmelbett" von Tom Jones und Harvey Schmidt, das jetzt in den Kammerspielen am Florinsmarkt Premiere feierte. Ein charmantes Mini-Ensemble führt Höhen und Tiefen einer Ehe vor. Und musiziert wird auch.

KOBLENZ. Von all seiner Opulenz entkleidet, offenbart sich auch im Musical der Kern aller Bühnenunternehmung, die Theaterkunst. Das ist jetzt in den Kammerspielen am Florinsmarkt zu erleben: Das Stadttheater spielt das Jones/Schmidt-Musical "I do! I do! Das musikalische Himmelbett" - ein Zwei-Personen-Kammerspiel, in dem die Musik die jeweiligen Gemütslagen der Protagonisten unterstreicht und nebenbei für vergnügtes Amüsement sorgt.

Das Stück feierte einst - im Jahr 1966 - am so genannten Off-Broadway seine Premiere und war von vornherein eine Abkehr von Riesen-Chorus-Lines, Mega-Ensembles, Groß-Orchestern. Reduziert auf ein Ehepaar die Besetzung, auf zwei Klaviere die Instrumentierung, auf ein kleines Schlafzimmer die Szenerie: Da sollte die innere Zerrissenheit einer Liebes- und Lebensbeziehung hautnah erfahrbar werden.

In der Kammerspiel-Aufführung funktioniert das, natürlich aber unter den Vorzeichen der leichten Muse: Im raschen Zeitraffer rast die Handlung durch das gemeinsame Leben von Agnes (Ariane Payer) und Michael (Ross McDermott) von der Hochzeit (im Song "Das große Ja") über Nachwuchs ("Etwas ist nun gescheh'n mit mir"), die offenbar unvermeidlichen Krisen ("Die Flitterwochen sind vorüber") bis zur respektvollen Altersliebe ("Irgendwer braucht mich noch").

Und das alles vor der gesellschaftlichen Kulisse der amerikanischen 60er-Jahre: Er wird zum gefeierten Schriftsteller, sie hütet die Kinder. Er erntet Anerkennung, sie langweilt sich zu Hause. Nach der Hochzeitsnacht, die zumindest für sie noch eine echte Premiere war, kehrt bald Ernüchterung ein, die sogar in einem angedeuteten Seitensprung Michaels gipfelt. Dass die beiden dennoch zusammenbleiben, ist ihrer durch und durch romantischen Liebe geschuldet.

Regisseur Holger Funken geht in seiner Inszenierung den Weg der Konzentration auf die beiden konsequent weiter: Die Bühne ist ein ungeschmückter Raum, im Zentrum alleine das Bett, um das sich diese Beziehungsgeschichte rankt, auch wenn es weder Frivolitäten noch sonstige Intimitäten zu sehen gibt. Die Kostüme (Claus Doubeck) sind zweckmäßig und schlicht.

Auf der Bühne sitzen auch die Pianisten Uta Dittrich und Karsten Huschke, die die schwungvollen und zugleich sensiblen Musical-Songs Harvey Schmidts in bester Entertainmenttradition spielen, den beiden Darstellern auch musikalischen Raum zur Entfaltung lassen. Ariane Payer wandelt sich von der naiven Verliebten zur erwachsenen Frau und Mutter, schließlich zum selbstständigen und denkenden Geist. Das gelingt ihr mit viel Charme. Herausragend ist ihre Szene als "tolle Agnes", in der sie die Freiheit spürt, sich von Michael emanzipiert. Das spielt und singt Payer trotz aller Euphorie ganz leise ironisch. Auch Ross McDermott fühlt sich schnell hinein in seine Rolle, gibt ihr jungenhaften Stolz und verschmitzten Witz. Ihm merkt man in beinahe jeder Bewegung die Zugehörigkeit zur Ballett-Compagnie an, in tänzelnder Leichtigkeit schwebt und springt er über die Bühne, liefert Kabinettstückchen wie einen Stepptanz in Schlappen, spielt sich mit seinen Soli in die Herzen der (weiblichen?) Zuschauer. Auch für ihre ansprechenden gesanglichen Leistungen erhalten beide schließlich begeisterten Premierenapplaus.    Tim Kosmetschke

KOCHEN MIT ELVIS            

 

   

 

RZ- Artikel vom 29.03.2005
Es ist nicht leicht, der King zu sein
"Kochen mit Elvis": Die britisch-schwarze Komödie feierte in den Kammerspielen eine stürmisch beklatschte Premiere
Mit der bitterkomischen Komödie "Kochen mit Elvis" haben die Kammerspiele des Stadttheaters doch noch ihren Saisonhöhepunkt erlebt: Das Stück des Briten Lee Hall feierte in der Inszenierung von Holger Funken eine stürmisch beklatschte Premiere im kleinen Haus am Florinsmarkt. Glänzende Schauspielerleistungen, eine temporeiche, sensible Regie und ein facettenreiches Stück sorgen für einen fesselnden Theaterabend.
KOBLENZ. Zum Lachen gehört auch Weinen, zur Freude Traurigkeit. Nur wer die Melancholie kennt, kann echtes Glück schätzen. Vielleicht sind deshalb viele dramatische Stoffe aus Großbritannien so anrührend, fesselnd, oft auch komisch: weil die Gefühlsextreme bedient werden. "Kochen mit Elvis" von Lee Hall, das jetzt Premiere in den Kammerspielen des Stadttheaters feierte, passt in dieses Muster: Wenn gerade noch schrecklich-schöne Komik für Lacher im Publikum sorgt, sitzen die Zuschauer im nächsten Augenblick vor entsetzlichen menschlichen Abgründen. Zur Komödie gehört auch Tragik.
Lee Hall hat Erfolge gefeiert mit solchen Stoffen, den größten vielleicht mit dem Filmdrehbuch zu "Billy Elliott" - der ungeheuer rührenden und gleichsam hochnotkomischen Geschichte eines Provinz-Jungen, der Ballett tanzen will. Und es tut.
Nun also Elvis. Der King. Dave, Vater der Familie, deren Schicksal im Stück erzählt wird, war Elvis-Imitator, ist aber bei einem Unfall so schwer verletzt worden, dass er nur noch siechend, aber in voller Las-Vegas-Montur
(Kostüme: Claus Doubeck) im Rollstuhl sitzt - ein "Zombie", wie die teils drastische Sprache des Stücks ihn nennt. Seine nicht mehr taufrische, aber doch noch lebensfrohe Frau sucht nach zwei Jahren Verzweiflung über "den Krüppel" neue erotische Abenteuer mit jungen Männern, Tochter Jill sucht Kompensation im Kochen (und Essen). Immer aufwändiger wird ihre Cuisine, immer weniger schätzt ihr Umfeld die Leistungen am Herd. Dann taucht Stuart auf: ein Kuchenkontrolleur, von der liebeshungrigen Mutter in eine Mrs.-Robinson-Bezie- hung gezwängt, von der Tochter angeschmachtet.
Lee Hall erzählt zwei Geschichten: einerseits die Suche aller Beteiligten nach Befriedigung - sexueller, menschlicher, kulinarischer. Andererseits aber auch vom Umgang mit einem Behinderten, der meist sabbernd in einen "Anbau" abgeschoben wird. Yvette Pistors Bühne - ansonsten ein schmierig-grünes, heruntergekommenes Koch-Ess-Zimmer - sorgt dafür, dass Elvis/Dave weiter präsent bleibt: Er wird, wenn er stört, samt Rollstuhl in einen weißen Kasten mit Guckfenster gekarrt, der im Raum steht. Und manchmal kommt er heraus, surreale Rückblenden sind das, und er singt "Are You Lonesome Tonight" und erzählt aus seinem Leben als King of Rock 'n' Roll: "Es ist nicht immer leicht, der King zu sein."
Holger Funken inszeniert die Achterbahnfahrt der Stimmungen mit besonderem Augenmerk auf Tempo und Rasanz: Dialoge werden kunstvoll durch den Raum geschleudert. Gleichzeitig enthüllt er die oft ambivalente Gefühlswelt seiner Figuren, lässt geschickt Blicke zu in das riesige Repertoire an Konflikten. Komik entsteht durch den präzisen Sprachwitz und die durchweg glänzenden schauspielerischen Leistungen. Tatjana Hölbing spielt die zu Alkohol und Bulimie neigende Mutter beherrscht und genau. Judith Richter gibt der übergewichtigen Tochter Jill verschiedenste Facetten - von pubertärer Wut bis sensibler Zärtlichkeit. Markus Angenvorth demonstriert viel komisches Talent in seinem verschüchtert-jungenhaften Stuart. Und schließlich Andreas Schachl: Seine Darstellung des bald siechen, bald wieder die Hüfte schwingenden Elvis ist ein Genuss.
Und die Inszenierung geht anständig mit dem Anstößigen des Stücks um, mit Kopulation auf offener Bühne beispielsweise - zwischen Pietät und Pastete. Außerdem gibt es ein Happy End. "Happy" zumindest in Anbetracht der Umstände.    Tim Kosmetschke

 

 

IRMA VEP

 

RZ- Artikel vom 13.09.2005

Parodie statt Grusel

Premiere von "Das Geheimnis der Irma Vep"

KOBLENZ. Schwirrende Morgensterne, ein gezücktes Hackebeil und heulender Wolfsgesang: Das Theaterstück "Das Geheimnis der Irma Vep", das am Sonntagabend in den Kammerspielen am Florinsmarkt Premiere feierte, weist so ziemlich alle Attribute auf, die man vom Gruselgenre kennt. Doch anstatt Gänsehaut hervorzurufen, strapazierte das rund zwei Stunden dauernde Stück des Amerikaners Charles Ludlam eher das Zwerchfell der Zuschauer. Grund: Das Stück ist vor allem eine skurrile Komödie, die die Welt schottischer Heideschlösser oder ägyptischer Grabkammern parodiert.

Regisseur Holger Funken inszeniert Irma Vep ein bisschen wie ein modernes Comedy-Stück, was durchaus Sinn hat. Denn für tiefere Gedankengänge ist die Handlung nicht ausgelegt, sie existiert eigentlich nur, um die Pointenjagd irgendwie zu verknüpfen. Indem Funken das Stück als Theater im Theater präsentiert, forciert er dies sogar noch. Denn bevor die beiden Schauspieler (Judith Richter und Bernd Rieser) in ihre verschiedenen Rollen schlüpfen, lässt die Inszenierung sie in einem kurzen Dialog hinter der Bühne darüber schimpfen, dass die verfluchten Kollegen nicht gekommen seien, und man nun alles allein machen müsse. Theater im Theater um das Skurrile noch zu steigern.

Jedoch hat "Irma Vep", typisch für eine Parodie, auch ihre Grenzen. Denn über die Vorlage, die beengte Welt der Vampire und Untoten, kommt natürlich auch die Parodie nicht hinaus. Dass diese Grenzen nur selten zu spüren sind, verdankt das Stück dabei nicht zuletzt den beiden Mimen. Sowohl Judith Richter als auch Bernd Rieser legen nicht nur ein atemberaubendes Tempo an den Tag, sie wissen die Rollen auch zuzuspitzen: die Schlossherrin als eine alternde Diva, den Diener als ungewaschenen Trunkenbold oder das Kammermädchen als eine hysterische, verhärmte Jungfrau. So entsteht ein handwerklich gut inszeniertes, flottes Theaterstück, das aber klar zum leichten Fach gehört.

   Peter Karges

 

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